B-Zell-Therapie bei Multipler Sklerose

Welche Funktionen hat die B-Zelle?

B-Zellen haben über die humorale Abwehr hinaus weitreichende, für die Immunantwort zentrale Funktionen – insbesondere durch ihre vielfältigen Interaktionen mit anderen Immunzellen. Sie können als Antigen-präsentierende Zellen (APC) fungieren und damit u. a. die Aktivität der T-Zellen regulieren.1 B-Zellen treten außerdem als Mediatoren sowohl pro- als auch antiinflammatorischer Prozesse auf.1 Sie entstehen im Knochenmark durch Differenzierung aus den Stammzellen: In der Peripherie entwickeln sich die B-Zellen dann nach Antigen-Kontakt und Aktivierung zu spezifischen B-Gedächtniszellen und Antikörper-bildenden Plasmazellen weiter.

Welche Rolle spielen B-Zellen bei Multipler Sklerose?

Traditionell wurde die MS lange Zeit als eine mehr oder weniger rein T-Zell-vermittelte Autoimmunerkrankung angesehen, bei der T-Lymphozyten (z. B. CD4+ Helferzellen) die Blut-Hirn-Schranke überwinden und im ZNS eine zerstörerische Entzündungskaskade auslösen, die zu Demyelinisierung und axonalem Verlust führt.2 Einer der jüngeren Forschungserfolge besteht darin, die Rolle der B-Zelle in der MS-Pathophysiologie weiter aufzudecken. So sind B-Zellen weitaus mehr als Antikörper-Produzenten. Sie spielen in allen MS-Formen eine zentrale Rolle, sowohl für die Inflammation als auch die Neurodegeneration und damit für die Krankheitsprogression.3-7

B-Zellen sind unter anderem essenzielle Aktivatoren der T-Zellen.8,9 Darüber hinaus interagieren B- und T-Zellen bidirektional miteinander: T-Zellen setzen ebenfalls Zytokine frei, die ihrerseits wiederum B-Zellen aktivieren.10,11 Durch diese gegenseitige Beeinflussung wird das inflammatorisch getriebene Fortschreiten des Krankheitsprozesses bei MS durch B- und T-Zellen gleichermaßen befeuert.

Wie die aktivierten T-Zellen gelangen bei MS auch die B-Zellen in das Kompartiment des zentralen Nervensystems (ZNS). B-Zellen lassen sich häufig im Liquor von MS-Patienten nachweisen, doch nur selten im Liquor von Gesunden.4,12

Wie beeinflussen B-Zellen die MS

Erhöhte Konzentrationen an B-Zellen im Liquor korrelieren bei der schubförmig-remittierenden MS mit einer verstärkten Krankheitsprogression.12 Die aus Immunglobulinen bestehenden MS-typischen oligoklonalen Banden im Liquor sind ebenfalls ein Hinweis auf die Anwesenheit von B-Zell-Klonen im ZNS. In den ZNS-Läsionen findet sich außerdem ein hohes Aufkommen an B- und T-Zellen.13 Immunologisch werden (mindestens) vier spezifische Funktionen der B-Zellen unterschieden, die auch für die MS eine Rolle spielen:

  • Antigen-Präsentation: B-Gedächtniszellen präsentieren Auto-Antigene und aktivieren dadurch T-Zellen.14,15 Dies kann zu einer überschießenden T-Zell-Antwort führen.7
  • Zytokinproduktion: B-Zellen sezernieren bei MS-Patienten proinflammatorische Zytokine, die T-Zellen und andere Immunzellen aktivieren.14,16 Diese Fehlregulation der Zytokinproduktion führt ebenfalls zu einer überschießenden T-Zell-Antwort.15
  • Autoantikörper-Produktion: B-Zellen produzieren Autoantikörper, die Makrophagen und natürliche Killerzellen aktivieren und zu Gewebeschäden führen.9 Bei > 95 % der MS-Patienten liegen erhöhte Spiegel an Antikörpern im ZNS vor.5
  • Ektopische, lymphoide follikelartige Strukturen (ELFS) können durch B-Zellen gebildet werden.7,9 B-Zellen sammeln sich in den Meningen in Form follikelartiger Strukturen an, die im benachbarten Kortexgewebe zur Aktivierung von Mikrogliazellen, zu lokaler Entzündung und Neuronenverlust führen. Diese ELFS gehen u. a. mit einer früher einsetzenden Krankheitsprogression einher.6,7

Welches Potenzial hat ein B-Zell-basierter Therapieansatz?

Der heutigen wissenschaftlichen Evidenz zufolge spielen CD20-positive B-Zellen in der Pathogenese der MS eine zentrale Rolle. CD20 ist ein Oberflächenantigen, das auf Prä-B-Zellen sowie reifen B-Zellen und B-Gedächtniszellen exprimiert wird – jedoch nicht auf hämatopoetischen Stammzellen, frühen Vorläuferzellen der B-Zelle, und reifen Plasmazellen.17-21 Die zielgerichtete Therapie gegen CD20-positive B-Zellen könnte deshalb bei der MS einen wirksamen therapeutischen Ansatz eröffnen.22

CD20-positive B-Zell-Entfernung

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Video: Die Rolle der B-Zellen bei MS


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