Multiple Sklerose (MS) - Eine Autoimmunerkrankung

Was ist Multiple Sklerose?

Autoimmunerkrankungen gehen auf eine komplexe Fehlsteuerung des Immunsystems zurück. Beteiligt sind u. a. die zelluläre Abwehr, insbesondere die T-Zellen und verschiedene B-Zellen sowie Mediatoren, wie z. B. Zytokine. Sobald eine körpereigene Gewebestruktur von bestimmten T-Zell-Populationen als Antigen erkannt wird und zusätzliche kostimulierende Faktoren, etwa von aktivierten Makrophagen oder B-Zellen, vorliegen, kann es zu autoaggressiven Reaktionen kommen. Dabei werden die Antigen-tragenden Strukturen von zytotoxischen T-Zellen angegriffen und beispielsweise lysiert oder durch Makrophagen unschädlich gemacht, die von Chemokinen angelockt werden. Neben der zellulären Abwehr können die körpereigenen Antigen-Strukturen auch durch von B-Zellen produzierte Antikörper für Fresszellen markiert bzw. direkt unschädlich gemacht werden (humorale Abwehr). Der Antigen-Antiköper-Komplex wird dann von anderen Immunzellen „beseitigt“ oder anderweitig abgebaut.1 Heute sind mehr als 80 Autoimmunerkrankungen bekannt – eine davon ist Multiple Sklerose (MS).2 MS ist eine autoimmunvermittelte, chronisch entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), bei der es durch Inflammation, Abbau der Myelinscheiden, Astrogliose und Axonschäden zu Störungen der Signalweiterleitung in den Nervenbahnen kommt.

Die Symptome können äußerst vielfältig sein. Oft sind Sehstörungen das Erstsymptom, klassischerweise auch sensible Defizite wie Kribbeln oder Taubheitsgefühl.3 Ebenfalls häufig manifestiert sich MS in Form von Fatigue, Schmerzen, Sehstörungen oder Einschränkungen in der Mobilität und Muskelschwäche.4-6 Weniger häufig treten Sprachstörungen, epileptische Anfälle, Hörminderung bis zur Taubheit oder Atemstörungen auf.4,5 Diese Symptome können sich schubweise manifestieren und sich weitgehend zurückbilden oder aber mit persistierenden Defiziten einhergehen.7,8 Unbehandelt kommt es bei den meisten Patienten im Laufe der Zeit zu einer Progression, also zu einer Zunahme der neurologischen Behinderung, die das tägliche Leben des Patienten nachhaltig beeinträchtigt.

Die MS wird in drei Formen unterteilt.9 Etwa 85 % aller MS-Erkrankungen beginnen mit einem schubförmig-remittierenden Verlauf (relapsing-remitting MS, RRMS). Nach längerer Krankheitsdauer von ca. 10 bis 20 Jahren geht diese Form der MS oft in einen sekundär progredienten Verlauf (SPMS) über, bei dem eine schleichend zunehmende Krankheitsprogression – zum Teil mit Schüben – im Vordergrund steht. Davon abgegrenzt wird die primär progrediente MS (PPMS), an der etwa 10 % bis 15 % aller MS-Patienten leiden. Hier sind von Anfang an klare schubförmige Ereignisse selten oder fehlen, die Krankheitsverschlechterungen schreiten eher schleichend voran. Die PPMS geht häufig mit stärkeren kognitiven Beeinträchtigungen und einer höheren Mortalität einher als die RRMS.10-14

Verlaufsformen der MS

Wer ist betroffen?

  • Weltweit liegt die MS-Prävalenz bei 2,3 Millionen – allein in Deutschland sind ca. 200.000 Menschen betroffen. Aufgrund des zumeist relativ frühen Erkrankungsalters ist MS eine der Hauptursachen neurologischer Behinderungen bei jungen Erwachsenen.4,9,15
  • Die RRMS tritt überwiegend im Alter zwischen 20 und 40 Jahren auf. Frauen sind etwa dreimal häufiger betroffen als Männer.9,16
  • Bei der PPMS sind Männer und Frauen etwa gleich häufig betroffen, meist beginnt die Erkrankung in der vierten oder fünften Lebensdekade.9
Prävalenz der MS

Wie ist die Prognose?

Bei nicht behandelter MS kommt es bei etwa der Hälfte der Betroffenen nach ca. 10 bis 20 Jahren zu einer sekundären Progression. Die neurologischen Beeinträchtigungen und klinischen Symptome nehmen im Verlauf der Erkrankung zu.9 Haben die Patienten in den ersten beiden Jahren eine hohe Anzahl von Schüben, ist dies häufig mit einer schnelleren Progredienz verbunden.17 Die durchschnittliche Lebenserwartung ist dänischen Registerdaten zufolge, um bis zu 10 Jahre vermindert.18

Welche Ursachen und Risikofaktoren sind bekannt?

Die Pathogenese der MS ist noch nicht eindeutig geklärt. Sowohl genetische Faktoren als auch Umwelteinflüsse scheinen zum Risiko beizutragen. Zu den Umwelteinflüssen, die mit einem erhöhten MS-Risiko in Verbindung gebracht werden, zählt z. B. Vitamin-D-Mangel. Außerdem scheinen vorangegangene Infektionen z. B. mit dem Epstein-Barr-Virus eine Rolle zu spielen.9

Bei der MS-Pathogenese kommt es zu Schädigungen des Hauptbestandteils der Nervenscheiden, dem von den Oligodendrozyten gebildeten Myelin im Gehirn und Rückenmark.19,20 Unter Aktivierung des Immunsystems resultieren am Ende multifokale demyelinisierte Läsionen („Entmarkungsherde“) in der weißen Substanz des ZNS. An den schädigenden entzündlichen Prozessen sind maßgeblich auch B-Zellen beteiligt.21 Davon unterschieden werden die bereits früh auftretenden, in späteren Stadien dominierenden neurodegenerativen Prozesse. Sie gehen u. a. mit (irreversiblen) Schädigungen von Axonen, Dendriten und Neuronen sowie diffusen Gewebeschädigungen und Hirnatrophie einher.19,22-24

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